Großforschungszentrum “Lausitz Art of Building” in der Endauswahl

LAB - Lausitz Art of Building, so könnte ein zukünftiges Großforschungszentrum aussehen | © CGI HENN
LAB - Lausitz Art of Building, so könnte ein zukünftiges Großforschungszentrum aussehen | © CGI HENN

Im themenoffenen Wettbewerb „Wissen schafft Perspektiven für die Region“ um zwei neue Großforschungszentren in traditionellen Braunkohlerevieren hat die Idee eines Bauforschungszentrums für die Lausitz den Förderzuschlag für die weitere Ausarbeitung eines Konzepts bis Anfang 2022 erhalten.

Strukturwandel in den traditionellen Braunkohlerevieren

In der sächsischen Lausitz und dem mitteldeutschen Revier werden in den nächsten Jahren zwei neue Großforschungszentren entstehen. Damit wird ein Beitrag zum Strukturwandel in den traditionellen Braunkohlerevieren geleistet. Den Regionen sollen durch die Großforschungszentren auch neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnet werden. Für die Festlegung der inhaltlichen Ausrichtung führen das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der Freistaat Sachsen und das Land Sachsen-Anhalt derzeit den zweistufigen themenoffenen Wettbewerb “Wissen schafft Perspektiven für die Region!” durch. Am vergangenen Donnerstag hat die hochrangig besetzte Perspektivkommission aus den eingereichten Anträgen die sechs überzeugendsten ausgewählt und dem BMBF für die erste Förderphase empfohlen, in der die Konzepte zur Umsetzungsreife ausgearbeitet werden sollen. Danach findet erneut eine Überprüfung der Konzepte statt, bevor der eigentliche Aufbau von zwei Zentren beginnt.

Bauforschungszentrums “LAB – Lausitz Art of Building”

Zu den sechs Finalisten gehört das “LAB – Lausitz Art of Building”, das sich einen Paradigmenwechsel im Bauwesen als Ziel gesetzt hat. Unter der Leitung von Prof. Manfred Curbach (TU Dresden) haben sich Spitzenforscher:innen der Universität für Bodenkultur Wien, der Technischen Universität München, der RWTH Aachen, der ETH Zürich, der Ruhr-Universität Bochum, des UNU-FLORES-Institutes der Universität der Vereinten Nationen, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften sowie hervorragende Architekt:innen, wie das Architekturbüro HENN, und Bauingenieur:innen der Praxis zusammengeschlossen und gemeinsam einen Antrag für ein neues Bauforschungszentrum eingereicht.

“Wir sind fest davon überzeugt, dass wir auf diese Weise der Lausitzer Bevölkerung eine realistische Zukunftsperspektive bieten können. Die Erfahrungen und das erworbene Know-how dieser Industriekultur könnten eine Bereicherung bei der Arbeit in einem Forschungslabor des Bauens sein”, wird Manfred Curbach, Direktor des Institutes für Massivbau der TU Dresden und Sprecher des Forscherteams, im Bericht der Fakultät zitiert. “Der Unterschied ist jedoch, dass die avisierte Forschung und deren Transfer eine klima- und ressourcenneutrale Material- und Konstruktionsevolution in Gang setzen und die Umwelt damit spürbar entlasten wird.”

Die Erforschung und Entwicklung neuer, ressourceneffizienter und klimaneutraler Werkstoffe sowie modular geplanter, hochflexibler und lange nutzbarer Bauwerke sollen den enormen Ressourcenverbrauch im Bauwesen mindern. Das Konzept integriert die modernsten Ansätze der Materialforschung, der Produktionstechnologien und der Digitaltechnologien, sodass sich die Lausitz als arbeitsplatzwirksame europäische Modellregion für nachhaltiges Planen und Bauen entwickeln kann. Im Umfeld dieses Großforschungszentrums würden sich zahlreiche Unternehmen ansiedeln, angefangen von Start-ups bis hin zu Niederlassungen der größten europäischen Bauunternehmen.

Von Klimaforschung bis Weltraumstationen: die weiteren Konzepte

Zu den sechs geförderten Projekten gehören neben dem LAB vier weitere deutsche sowie ein spanisches Konzept:

Chemresilienz (Prof. Peter Seeberger, Potsdam): Um die Versorgung wichtiger Industriezweige wie Gesundheit, Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Konsumgüter sicherzustellen, will „Chemresilienz – Forschungsfabrik im Mitteldeutschen Revier” eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse etablieren. Nachwachsende Rohstoffe, kurze Transportwege sowie lokale, kostengünstige und nachhaltige Produktionsprozesse sollen die Resilienz der deutschen Chemiewirtschaft sicherstellen – bei gleichzeitiger Einhaltung höchster Arbeitsschutz- und Umweltstandards.

CLAI_RE (Prof. Georg Teutsch, Leipzig): Das „Centre for Climate Action and Innovation – Research and Engineering” (CLAI_RE) will Klimadaten und -wissen bündeln. Auf dieser Basis sollen funktionale digitale Zwillinge von Ökosystemen geschaffen werden und Datenräume in ganz neuen Dimensionen entstehen. CLAI_RE will Handlungsoptionen für den Klimaschutz mit Fokus auf Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasser, Planung urbaner Räume, Energieversorgung, Gesundheit und Mobilität entwickeln.

CMI (Prof. Jens Meiler, Leipzig): Die Initiatorinnen und Initiatoren des „CMI – Center for Medicine Innovation“ nehmen neue Technologien zur Digitalisierung und Individualisierung der Medizin in den Fokus. Durch die Vereinigung von Medizintechnik, Digitalisierung und Medikamentendesign soll ein Zentrum der biomedizinischen Forschung und personalisierten Medizin entstehen. Versorgungs- und Wertschöpfungsketten sollen zu einem Ökosystem vereint werden, das die Integration neuer Produkte in Versorgungstrukturen erleichtert und beschleunigt.

Deutsches Zentrum für Astrophysik (Prof. Günther Hasinger, European Space Agency Spanien): In Sachsen sollen die riesigen Datenströme zukünftiger Großteleskope gebündelt und verarbeitet werden. Gleichzeitig sollen in einem neuen Technologiezentrum u.a. Regelungstechniken für Observatorien entwickelt werden. Dabei bauen die Verantwortlichen auf die Erfahrung und das moderne Umfeld der Industrie in Sachsen auf. Zudem wird die Option verfolgt, in den Granitformationen der Lausitz ein Gravitationsteleskop zu bauen.

ERIS (Prof. Carsten Drebenstedt, Freiberg): Das „European Research Institute for Space Ressources” – kurz ERIS – will wissenschaftliche und technologische Grundlagen für die Errichtung und den Betrieb von Weltraumstationen auf Mond und Mars erforschen. Auf dieser Basis will ERIS Lösungsansätze für gesellschaftlich relevante Herausforderungen auf der Erde entwickeln. Aus Sicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können neue Methoden und Technologien einen Beitrag dazu leisten, Ressourcen im Weltraum und auf der Erde sicherer, effektiver und umweltschonender zu nutzen.

Förder- und Aufbauphase: Der Weg zur Umsetzung

Die Autorinnen und Autoren der sechs Skizzen haben nun sechs Monate Zeit, ihre Ideen in tragfähige und umsetzungsreife Konzepte für große Forschungszentren zu entwickeln. Sie erhalten dafür bis zu 500.000 Euro. Die in Förderphase I ausgearbeiteten Konzepte werden durch externe Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begutachtet. Auf dieser Basis entscheiden Bund und das Sitzland über die Förderung der beiden besten Konzepte, die ab Sommer 2022 in die Aufbauphase starten. In dieser dreijährigen Aufbauphase werden die rechtliche Gründung und die anschließende institutionelle Förderung vorbereitet. Die Aufbauphase kann bei Bedarf um drei Jahre verlängert werden. Aus dem Strukturstärkungsgesetz stellt der Bund bis einschließlich 2038 je 1,25 Milliarden Euro pro Zentrum bereit.

Hintergrund

Am 14. August 2020 ist das “Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen” (StStG) für die durch den Kohleausstieg betroffenen Reviere in Kraft getreten. Um neue Perspektiven für die Kohleregionen zu schaffen, sieht das StStG in § 17 Ziffer 29 die “Gründung je eines neuen institutionell geförderten Großforschungszentrums nach Helmholtz- oder vergleichbaren Bedingungen in der sächsischen Lausitz und im mitteldeutschen Revier auf Grundlage eines Wettbewerbsverfahrens” vor. Der Wettbewerb hat im November 2020 begonnen.

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