Warum nachhaltiges Bauen noch nicht im Alltag der Baubranche angekommen ist

Foto: Kane Reinholdtsen/Unsplash
Foto: Kane Reinholdtsen/Unsplash

Plusenergiehäuser, Gebäude aus Bauabfällen, Rekordbewertungen in LEED oder DGNB – es gibt sie, die Leuchtturmprojekte des nachhaltigen Bauens. Doch im Alltagsgeschäft der Baubranche spielt das Thema Nachhaltigkeit bisher kaum eine Rolle. Abgesehen von einzelnen Prestigeprojekten reichen die Ambitionen höchstens bis zum Rahmen der KfW-Förderungen. Die kurzfristige Sicht der Investoren auf die Kosten, Informationsdefizite bei Bauherren und mangelnde Erfahrung bei Planern, eine fehlende politische Leitlinie – die Liste der Hemmnisse ist lang. Das sind die Ergebnisse unserer Experteninterviews zum Status Quo des klimagerechten Planens und Bauens.

Expert:innen über die derzeitige Lage

Um mit unserer Innovationsplattform “Klimaforum Bau” gezielt die Herausforderungen anzugehen, die ein klimagerechteres Planen und Bauen derzeit noch hemmen, haben wir zu Beginn unseres Projektes ausführliche Interviews mit relevanten Stakeholder:innen der Baubranche geführt. Welche Rolle spielt das nachhaltige Bauen für sie in ihrer Tätigkeit und wo sehen sie Hemmnisse? In Gesprächen mit über 20 Vertreter:innen aus Verwaltung/Genehmigungsbehörden, öffentlichen und privaten Bauherr:innen, Projektentwickler:innen sowie Investierenden, Planungsbüros und bauausführenden Unternehmen konnten wir uns ein umfassendes Bild der Lage machen. Jede:r von ihnen berichtete als Expert:in für ihre bzw. seine Perspektive auf die Problematik.

Ambitionen und der Trend zum nachhaltigen Bauen

Im Vordergrund stand dabei zunächst, inwieweit sich die Interviewten selbst schon in ihren Organisationen mit den Nachhaltigkeitszielen beschäftigten und diese bei Bauprojekten berücksichtigen. Das Ergebnis: Das Bewusstsein für die Thematik ist durchaus vorhanden, doch in der Praxis kommt es kaum zur Anwendung. Über gesetzliche Vorgaben wie das GEG hinaus zeigen Bauherr:innen bisher selten Interesse an nachhaltigen Bauweisen. Entscheidungen dafür werden meist nicht wegen der Nachhaltigkeit an sich getroffen, sondern vorrangig mit Blick auf die KfW-Förderungen, aus Imagegründen und/oder in Zusammenarbeit mit universitären Studien.

Immerhin: Den Trend spüren allen Befragten zunehmend. Projektentwickler berichten von steigenden Ansprüchen, um die Fonds nach den ESG zertifizieren zu können, und Architekten erwarten eine wachsende Relevanz des Themas ‚graue Energie‘. Doch nur die wenigsten Unternehmen arbeiten bisher an einem eigenen Klimaschutzfahrplan. Ein Positivbeispiel ist die interne Initiative “PGMM goes green” der Planungsgruppe M + M AG mit dem Ziel, in jedem Projekt eine klare Positionierung und Favorisierung von nachhaltigen Lösungen und Konzepten zu entwickeln und umzusetzen. Dafür werden Projekte von externen Beratenden auf Nachhaltigkeit hin bewertet. Allgemein engagieren große Unternehmen oft extra Expert:innen, die das Thema bearbeiten. Bei kleinen Firmen aber ist das aus Kostengründen kaum möglich.

Kostenfaktor Klimaschutz

Ein ganz wesentlicher Aspekt bei der Entscheidung für oder wider nachhaltiges Bauen ist die Finanzierung der Projekte. Themen, über deren Relevanz sich die Beteiligten eigentlich einig sind, werden kurz vor der tatsächlichen Umsetzung weggeschoben, wegen der kurzfristigen Sicht auf Kosten. Schon den KfW-Standard empfinden manche Bauherren als zu viel Verantwortung und Aufwand. Andere Bauträger dagegen setzen grundsätzlich auf KfW 55, weil sie sich trotz Mehraufwand einen Marktvorteil versprechen.

Auch unter den Wohnungsbaugenossenschaften gibt es schon einzelne, die sich über die gesetzlichen Vorgaben hinaus engagieren und Pilotprojekte angehen. Doch eine großflächige Umsetzung scheint in weiter Ferne, solange die Genossenschaftsmitglieder nicht bereit sind, die Mehrkosten zu tragen. Dabei spielt ehrliche Kommunikation eine wesentliche Rolle: Für erlebbares Fassadengrün seien die Menschen zu gewinnen und bereit mehr zu zahlen, für alternative Quellen der Heizungswärme schon viel weniger. Aber Mehrkosten für die Recyclingfähigkeit von Baumaterialien in 100 Jahren seien kaum vermittelbar.

Im Laufe der Gespräche zeigte sich, dass viele Akteure sich intern Gedanken machen, dies jedoch nicht in die Öffentlichkeit hinaustragen. Konkrete Konzepte gibt es nur bei vereinzelten Projekten, welche immer mit dem ersten Blick auf die Kosten geplant werden. Diese Überlegungen sind dann nicht adaptierbar und müssen für neue Vorhaben immer wieder aufwändig und damit kostenintensiv bearbeitet werden. Ein gemeinsamer öffentlicher Diskurs zum Thema nachhaltiges Planen und Bauen wäre dagegen ein wichtiger Schritt.

Hemmnisse für klimagerechtes Bauen

Über die Kostendebatte und mangelnde Erfahrung hinaus wurde in den Interviews eine Reihe weiterer Hemmnisse angesprochen, die es zu überwinden gilt, um flächendeckend nachhaltig zu bauen. Oft etwa fehlen politische Leitlinien und Strategien. Die derzeitigen Klimaschutzziele bieten keine lenkende Wirkung und es fehle an Aufklärungen in der Verwaltung. Mitunter liefen Fachplanungen sogar den Klimaschutzzielen entgegen, berichten Mitarbeiter der Verwaltung. Schließlich seien diese bisher nur freiwillige Aufgabe und anders als Vorschriften zu Lärm und Luftschadstoffen nicht verbindlich.

Gleichermaßen sind die politischen und rechtlichen Hürden groß. Nur in wenigen Bundesländern gibt es beispielsweise mittlerweile Holzbaurichtlinien. Die Genehmigung von größeren Gebäuden gestaltet sich ebenfalls schwierig. Sie sind aufgrund des Brandschutzes nicht ohne weiteres genehmigungsfähig, wodurch es zeitaufwändigeren Ausnahmeregelungen bedarf. Die HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) bietet ebenfalls keine Anreize, nachhaltig zu bauen.

In den Unternehmen und Verwaltungen selbst scheitert es oft an der Bereitschaft bzw. dem Mut, neue Wege einzuschlagen und sich mit anderen Herangehensweisen zu beschäftigen. Wer das doch tut, sieht sich nicht selten vor einem unüberschaubaren Komplex an Informationen. Selbst gezielte Schulungen für die Planung werden als unzureichend kritisiert, wodurch die Möglichkeit genommen wird, schon in der ersten Leistungsphase die Grundlagen zu legen. Die zukünftige Betrachtung über den Lebenszyklus erfordert außerdem spezialisierte Personen, von denen es derzeit noch zu wenige gibt. Nur ein kleiner Kreis von Spezialisten hat umfangreiche Erfahrungen mit nachhaltigem Bauen. In Teilen der Baubranche sei das Thema noch gar nicht angekommen und wird als Spielwiese kreativer Architekten und „grüner Spinner“ wahrgenommen.

Als weiteres Hemmnis wird die Uninformiertheit der Bauherr:innen genannt. Hinzu kommt, dass nur die wenigsten Planenden die Gründe für alternative Bauweisen richtig vermitteln können. Bei der Beratung offenbart sich auch das Problem der geringen Vergleichbarkeit mit anderen Bauprojekten. Was ist besser, was ist schlechter – wie konkret sieht das Kosten-Nutzen-Verhältnis für den Bauherren aus? Entscheidet man sich dann für eine nachhaltige Bauweise, fehlen oft gute Planungstools, die die Baukosten ins Verhältnis setzen. Bei diesen innovativen Bauweisen ist deshalb eine Durchsetzung sehr schwierig. Zudem sind nachhaltige Bauprojekte langfristig angelegt und teuer. Mögliche Fehleinschätzungen führen so potenziell zu jahrzehntelangen Folgen. Es sei deshalb auch eine Haftungsfrage. Zudem kann derzeit noch nicht so frei geplant werden, wie bei konventionellen Bauweisen. Die Baupartner:innen müssen zeitig festgelegt werden, genauso wie handhabbare Verfahren.

Deshalb: Informieren, Diskutieren, (Mut zum) Ausprobieren

Die Auswertung unserer Interviews zeigt, dass die notwendige Transformation der Baubranche von einem Geflecht von Hemmnissen ausgebremst wird. Um den klimaneutralen Gebäudebestand in Zukunft maßgeblich zu erhöhen, müssen diese Hürden beseitigt und Defizite abgebaut werden. Unser Projekt Klimaforum Bau hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, das Informationsdefizit anzugehen und die Debatte um ein verantwortungsbewusstes Bauen zu intensivieren. Mittels Vernetzung und Austausch zwischen den verschiedenen Stakeholder:innen sollen konkrete Handlungsansätze ausgearbeitet werden. Die Verantwortlichen wünschen sich klare Empfehlungen sowie Best-Practice-Beispiele, die typische Probleme und passende Lösungen aufzeigen. Des Weiteren sollten Arbeitskreise gegründet und Exkursionen geplant werden.

Den Bedürfnissen der Beteiligten versuchen wir mit unserem Informationsdienst, eigenen Fachbeiträgen, Workshops und Veranstaltungsempfehlungen gerecht zu werden. Besuchen Sie also unsere Seite regelmäßig, um auf den neusten Stand der aktuellen Entwicklungen zum Thema nachhaltiges Bauen in der Wissenschaft und in der Baubranche zu bleiben.

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